Ob sie sich gläubig oder ungläubig nennen, die meisten Leute der einen Kategorie haben oft nicht mehr Gewissheit als die der anderen. Hier ist eine Anekdote, die vor einigen Jahren in den kommunistischen Ländern die Runde machte. Zurück von ihrem Ausflug in den Weltraum werden russische Kosmonauten mit einer großen Zeremonie im Kreml empfangen, wo Breschnew sie beglückwünscht und ihnen vor einer ganzen Versammlung Orden verleiht. Nach beendeter Zeremonie nimmt er sie zur Seite und fragt sie: »Ehrlich, sagt mir, habt ihr Gott gesehen, da oben? Ja, antworten die Kosmonauten. Ah, seufzt Breschnew, das dachte ich mir doch.« Die selben Kosmonauten werden einige Zeit später im Vatikan vom Papst empfangen. Auch da gibt es wiederum eine große Zeremonie… Zum Ende, als sich alle zurückgezogen haben, nimmt der Papst die Kosmonauten zur Seite und sagt: »Da ist etwas, was mich beschäftigt: Im Verlauf eurer Reise in den Raum, seid ihr da Gott begegnet? Nein, antworten sie, wir sind Ihm nicht begegnet.« Der Papst scheint ein wenig enttäuscht und murmelt schließlich: »Ja, natürlich, das dachte ich mir.«
Omraam Mikhaël Aïvanhov
Die Folgerungen, die wir über die Wesen oder Ereignisse ziehen, hängen von unserem Standpunkt ab. Vom geozentrischen Standpunkt aus beobachtet man, dass es die Sonne ist, die aufgeht, die untergeht und die sich um die Erde dreht, doch dies ist nur ein Schein. In gleicher Weise täuschen sich diejenigen, die es gewohnt sind, aus dem äußeren Schein ihre Schlussfolgerungen zu ziehen. Ihre Wissenschaft, ihre Philosophie sind fehlerhaft, sie gründen auf der gleichen Illusion wie der, dass die Sonne um die Erde kreist. Diejenigen dagegen, die den heliozentrischen Standpunkt annehmen, die es verstehen, sich in die Sonne zu versetzen, um alles von der Sonne aus zu betrachten, sehen die Wahrheit. Ihr wendet ein: »Aber wir wissen doch alle, dass es die Erde ist, die um die Sonne kreist.« Ja, theoretisch, aber in der Praxis macht ihr das Gegenteil! Deswegen wiederhole ich: »Arbeitet jeden Tag daran, die Sonne in euch zu finden, d. h. den göttlichen Teil eurer selbst. Und lebt dort, schaut und handelt von da aus, dann werdet ihr in der Wahrheit sein.«
Omraam Mikhaël Aïvanhov
Wie kann man die Liebe von der Sexualität unterscheiden, wenn es doch in Liebesbeziehungen die eine nicht ohne die andere gibt? Die Sexualität ist eine rein egozentrische Neigung, welche die Menschen dazu drängt, ausschließlich ihr Vergnügen zu suchen, und sei es auf Kosten ihres Partners. Die Liebe dagegen denkt zuerst an das Glück des anderen, sie gründet auf dem Opfer: Opfer an Zeit, an Kräften, nötigenfalls an Geld, um dem anderen zu helfen, um ihm zu ermöglichen, sich zu entfalten und alle seine Fähigkeiten zu entwickeln. Nichts ist schöner als die Liebe, wenn Männer und Frauen bereit sind, Entbehrungen auf sich zu nehmen, sich selbst etwas zu entreißen, um es herzuschenken. Und ihr, die ihr auf dem spirituellen Weg seid, wisst, dass die Spiritualität genau da beginnt, wo die Liebe die Sexualität beherrscht: Wenn ihr fähig seid, euch für das Wohl des anderen zu opfern, dann nur seid ihr zur Liebe fähig.
Omraam Mikhaël Aïvanhov
Alle Religionen erinnern den Menschen an seinen göttlichen Ursprung und geben ihm Methoden, sich mit dem Göttlichen zu vereinen. Nur sind die Religionen eine Sache, und ihre Vertreter eine andere. Wie viele sind sich der Wichtigkeit ihrer Aufgabe denn wirklich bewusst? Trotz der Existenz aller heiligen Schriften, die an Erhabenheit und Schönheit nicht zu übertreffen sind, sieht man deshalb überall so viele Menschen, die den Boden unter den Füssen verlieren und Beute schwindelerregender Kräfte werden, die ihr niederes Selbst bewohnen. Wenn dermaßen viele »Gläubige« eines Tages gezwungen sind zuzugeben, dass sie den Glauben verloren haben oder sogar, dass sie ihn vielleicht gar nie besaßen, dann liegt das daran, dass man ihnen nicht erklärt hat, dass der Glaube mit der Kenntnis des menschlichen Wesens beginnt und mit der Bewusstwerdung der Arbeit, die sie an sich selbst unternehmen müssen. Wer diese Arbeit wirklich unternommen hat, kann sich keine Fragen mehr über die Existenz Gottes stellen, er fühlt, dass er mit dieser Existenz verbunden ist, dass er ein Teil davon ist, er kann daher Gott so wenig leugnen, wie er sich selbst leugnen kann.
Omraam Mikhaël Aïvanhov
Die Kerzen und Öllichter, die man in den Kirchen anzündet, sind Symbole unseres Geistes und unserer Seele, die wir jeden Tag an der himmlischen Flamme entzünden müssen. Und wenn wir sie angezündet haben, können wir auch andere Geister und andere Seelen um uns herum entflammen. In den orthodoxen Kirchen hält am Ostermorgen jeder Gläubige eine Kerze in der Hand. Der Pope entzündet als Erster eine Kerze, der ihm am nächsten stehende Zelebrant entzündet daran seine Kerze und dann zündet jeder Gläubige, einer nach dem anderen, seine Kerze an der Flamme des neben ihm Stehenden an, und immer mehr meint man, das Feuer sei in Bewegung, bis schließlich die Kirche von einer Vielzahl kleiner Flammen erfüllt ist! In einer Einweihungsschule lernt ihr nicht nur, euren Geist und eure Seele zu entzünden, sondern auch, wenn ihr sie einmal entzündet habt, ihre Flamme zu erhalten, damit andere Geister, andere Seelen kommen und sich an diesem Feuer entzünden können.
Omraam Mikhaël Aïvanhov
Weihnachten, die Geburt Jesu, die am Winterbeginn gefeiert wird und Ostern, seine im Frühling gefeierte Auferstehung, stellen zwei Seiten aus dem großen Buch der Natur dar. Es kann sein, dass dieser Gedanke manche Christen sehr empört, aber anstatt empört zu sein, wäre es besser, sie würden nachdenken. Diejenigen, die vor sehr langer Zeit die Daten dieser Feiern festgelegt haben, waren Menschen, die große Kenntnisse über die Beziehungen zwischen der Natur und der menschlichen Seele besaßen. Sie hatten tief über das Leben Jesu und seine Lehre meditiert und verstanden, dass, indem er sich mit dem kosmischen Christusprinzip identifizierte, in ihm eine ideale Begegnung zwischen dem spirituellen Leben und dem Leben der Natur, dem Leben des Universums, stattgefunden hatte. Weil es sich so klar wie möglich vom durch die Verehrung der Naturkräfte gekennzeichneten Heidentum abgrenzen wollte, hat das Christentum die lebendigen Verbindungen mit dem Universum abgeschnitten. Deswegen entgeht der tiefe Sinn ihrer Religion den Christen noch heute. Nur einige wenige Eingeweihte, die die wahre Wissenschaft der Symbole kennen, sehen in der Geburt und Auferstehung Jesu Prozesse, die mit dem kosmischen Leben verbunden und damit von universeller Tragweite sind.
Omraam Mikhaël Aïvanhov
Diejenigen, die Jesus gekreuzigt hatten, wandten sich an ihn und sagten: »Der du den Tempel abbrichst und baust ihn auf in drei Tagen, hilf dir selber, wenn du Gottes Sohn bist, und steig herab vom Kreuz« (Mt 27,40). Die wahre Macht eines Sohnes Gottes liegt jedoch nicht darin, den Prüfungen zu entkommen, noch so zu tun, als fürchte er sie nicht. Die wahre Macht liegt darin, sie schlussendlich anzunehmen in der Klarheit, in der Entsagung, und vor allem im Frieden und in der Einheit des Geistes. Jesus kannte die Prüfungen, die ihn erwarteten, er selbst hatte sie ja seinen Jüngern angekündigt. Aber die Heftigkeit der Qualen, die ihm am Kreuz widerfuhren, weckte in ihm die dunklen Kräfte seiner rein menschlichen Natur, und so rief er aus: »Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen?« (Mt 27,46). In Wirklichkeit hatte Gott Jesus nicht verlassen, doch dieses Gefühl der Verlassenheit, der Einsamkeit, kann sogar von den größten Eingeweihten empfunden werden. Die menschliche Natur in Jesus konnte nicht umhin, einige Schreie der Verzweiflung auszustoßen, doch sie hat es mit Liebe getan, ohne sich aufzulehnen und auch hierin liegt der große Unterschied. Deswegen hat er am Ende das Licht und den Frieden wiedergefunden, und seine letzten Worte waren: »Vater, in Deine Hände lege ich meinen Geist.«
Omraam Mikhaël Aïvanhov
Um die wirkliche Dimension des Abendmahls zu verstehen, muss man in der Zeit sehr weit zurückgehen, bis zu Melchisedek, der als Erster Abraham Brot und Wein brachte. Heute stellt die Weihe von Brot und Wein durch den Priester für viele Christen nur die Erinnerung an eine historische Begebenheit dar, die sich eines Tages, vor zweitausend Jahren, in Jerusalem ereignete. Es stimmt, dass Jesus, nachdem er ihnen Brot und Wein gegeben hatte, seinen Jüngern sagte: »Tut dies zu meinem Gedächtnis.« Doch einzig das Andenken zu bewahren ist kümmerlich, und das Andenken befreit einen nicht von der Pflicht, sich tiefer mit der außergewöhnlichen symbolischen Bedeutung zu befassen, die Jesus in diese Handlung hineinlegte. Weshalb hat er nicht ein anderes Ritual geschaffen? Er hätte es tun können, doch er wiederholte, was Melchisedek vor ihm getan hatte. Dies bringt nicht nur die Bedeutung, die er den beiden Symbolen des Brotes und des Weines gab zum Ausdruck, sondern auch die Absicht, seine Zugehörigkeit zur Linie, zum Orden des Melchisedek zu unterstreichen.
Omraam Mikhaël Aïvanhov
Die kosmische Intelligenz hat die Dinge sehr weise eingerichtet, und wenn sie dem Menschen die Fähigkeit zu zweifeln gegeben hat, dann ganz offensichtlich damit er sich ihrer bedient. Die Frage ist nur zu wissen wo und wann. Er sollte also zuerst seine Fähigkeit anzweifeln, richtig zu verstehen und richtig zu urteilen. Ihr werdet sagen: »Das ist aber schwierig, ich weiß nicht, wie ich das anstellen soll.« Gewiss, ist es schwierig, aber es gibt Zeichen, die euch warnen und die euch sagen, dass ihr wachsam sein müsst. Sobald ihr in euch einen Zwiespalt, ein Unbehagen spürt, nehmt es als Hinweis, dass etwas nicht richtig läuft und denkt daran, den Zweifel, dieses so wirksame Werkzeug zu benutzen, anstatt stur zu bleiben. Doch benutzt den Zweifel richtig, das heißt, zweifelt an eurer Art, die Dinge zu sehen und auf sie zu reagieren, zweifelt an den Methoden, die ihr bis dahin angewendet habt oder die ihr im Begriff seid anzuwenden. Sagt euch: »Ich habe vielleicht noch nicht die volle Klarheit, ich habe nicht alle nötigen Elemente, um mich zu äußern. Ich muss noch prüfen, ob meine Vorhaben den Kriterien der Weisheit und der Liebe genügen.« Gebt euch nie damit zufrieden, nur das anzunehmen, was ausschließlich eurer eigenen Sichtweise entspricht.
Omraam Mikhaël Aïvanhov
Die Menschen müssen, ob sie wollen oder nicht, miteinander leben, sie hängen voneinander ab und Beziehungen unter ihnen sind nur dann möglich, wenn sie auf einem Minimum an Vertrauen beruhen. Dieses Vertrauen äußert sich, sobald sie am Morgen erwachen. Wenigstens zu Beginn des Tages müssen sie davon ausgehen, dass ihnen nicht alles Unglück auf den Kopf fallen wird. Wenn beim Verlassen des Hauses jeder zögerte und sich fragte: »Was wird mir widerfahren? Wird mich jemand angreifen, wird mich ein Auto überfahren oder wird ein Blumentopf aus einem Fenster stürzen und mich erschlagen«, würde das Leben zur Hölle. Selbst die misstrauischsten Menschen sind gezwungen, ein Mindestmaß an Vertrauen aufzubringen. Die Existenz ist auf Vertrauen gegründet, und dieses Vertrauen ist so natürlich, dass man es nicht zur Kenntnis nimmt. Dank ihm ist das Leben in der Gesellschaft möglich. Jedes Unternehmen, jedes Vorhaben, jede Initiative ist ein Vertrauensbeweis.
Omraam Mikhaël Aïvanhov