Trotz seiner Kürze ist das »Vater unser« ein unübertreffliches Werk. Mit diesem Gebet könnt ihr euer ganzes Leben lang arbeiten, und sogar danach, in euren zukünftigen Leben könnt ihr niemals seinen Inhalt ausschöpfen. Denn es ist wie ein Samenkorn, das jeder tief in seiner inneren Erde vergraben kann. So habe ich es gemacht. Ich habe dieses Samenkorn genommen und es in die Erde meines Wesens gesät, ich habe es sorgsam gehütet, ich habe es bewässert, erwärmt, beleuchtet, und jetzt ist es ein Baum geworden, dessen Wurzeln tief in meiner Seele verankert sind und dessen Krone sich bis zum Himmel erhebt. Deshalb, das sage ich euch, kann man dieses Gebet bis ins Unendliche vertiefen: Es umfasst alle Bereiche des Lebens und berührt all unsere psychischen und spirituellen Prozesse, es gibt unserem Leben Sinn. Aber wie beim Samenkorn muss man es zuerst in die Erde legen, es in unserem Inneren zum Leben erwecken. Dann entdeckt man darin nach und nach allen Reichtum.
Omraam Mikhaël Aïvanhov
Der Mensch, mikrokosmisches Abbild des Makrokosmos, ist der Verwahrer des gesamten kosmischen Gedächtnisses. Er besitzt die Archive des Universums. Diese Archive werden im Sephirothbaum durch die Sephira Daath, das Wissen, symbolisch dargestellt.
Daath ist die erste Materie, die ursprüngliche Materie, der Gott am Anfang der Welt seinen Atem eingehaucht hat, um sie zu befruchten. Weil sie die Substanz der Schöpfung ist, ist die Materie fähig, das Gedächtnis zu beinhalten. Und der Geist erweckt dieses Gedächtnis, indem er die Materie leicht berührt, wie der Hauch des Windes die Saiten einer Windharfe zum Schwingen bringt. Nur die Stille in uns bereitet die Bedingungen vor, damit dieses ursprüngliche Gedächtnis erwachen kann.
Omraam Mikhaël Aïvanhov
Glaubt nicht, dass eine Idee etwas Abstraktes ist! Eine göttliche Idee ist ein Geschöpf, ein lebendiges Wesen, das der Welt des Geistes entstammt, und dieses lebendige Wesen führt eine Arbeit an euch aus. Solange ihr sie beibehaltet, solange ihr sie nährt, formt euch diese Idee, sie modelliert euch so weit, dass es euch eines Tages gelingt, diese erhabene Welt, in der sie ihren Ursprung hat, widerzuspiegeln: die Welt der Archetypen, wo diese Geschöpfe wohnen, die sich Ideen nennen. Bevor ihr daher eine Idee akzeptiert, ist es außerordentlich wichtig, euch wach und klar zu zeigen. Erklärt euch nur bereit, für eine göttliche Idee zu arbeiten, denn diese Idee bringt aus sich selbst heraus alle Möglichkeiten mit, euch zu formen, euch zu verbessern und eines schönen Tages werdet ihr Bewohner dieser Welt der Ideen. Durch die Ideen schafft ihr Verbindungen mit der höheren Welt, denn sie sind wie Bienen, die euch alles bringen, das Beste, was es gibt.
Omraam Mikhaël Aïvanhov
Für wie viele Männer und Frauen ist das Leben nur von Interesse, wenn es in Exzessen erlebt wird! Sie richten sich lieber zugrunde, wenn sie nur intensive Empfindungen erleben können. Fragen sie sich denn, ob ihnen Gott dafür das Leben geschenkt hat und ob es nicht andere Arten des intensiven Lebens gibt? Nein, die Mehrzahl der Menschen hat eine Lebensanschauung, die sie zum Tode führt, zum physischen oder zum spirituellen Tod, und oft sogar zu beidem. Sicherlich werden wir alle eines Tages sterben, aber das darf uns nicht hindern, alle unsere Anstrengungen auf das Leben zu konzentrieren. Denn es ist das Leben, das wir mit Gott gemeinsam haben und mit allem, was im Universum existiert. Indem wir selbst lebendig werden, treten wir also in Verbindung mit Gott, mit allen Geschöpfen und mit dem ganzen Universum.
Omraam Mikhaël Aïvanhov
Wendet ihr euer Gesicht zum Himmel, dann erhaltet ihr Licht und Kraft; kehrt ihr ihm aber den Rücken zu, verliert ihr alles. Das Gesetz ist unerbittlich. Und wenn in den Heiligen Büchern gesagt wird, dass Gott gerecht ist, so deshalb, weil ihre Verfasser dieses Gesetz kannten.
Die Einstellung ist eine magische Kraft. Es geschieht uns nur das, was wir durch unsere Einstellung anziehen. Sie ist es, die die Macht hat, wohltuende oder schädliche Strömungen im Universum auszulösen. Wir müssen also mehrere Male am Tag daran denken, uns an die göttliche Welt zu wenden, uns mit ihr zu harmonisieren, bis zu dem Moment, wo diese Ausrichtung so gut verwirklicht ist, dass sich mit einem Schlag unsere spirituellen Zentren in Bewegung setzen und Wellen, Klänge, Farben aus uns heraussprudeln werden. Unsere Gedanken, unsere Gefühle und unsere Handlungen werden dann das Abbild dessen, was oben in den Himmeln bereits existiert, sie werden ebenso edel und ebenso schön. Die lichtvollen Wesen, die die Himmel bevölkern, werden sich in diesem Wesen wieder erkennen, das den Sinn seines Lebens auf der Erde verstanden hat.
Omraam Mikhaël Aïvanhov
Die Entdeckung einer spirituellen Lehre ist eine Quelle großer Freude. Endlich hat man sie gefunden! Ja, aber die Realität ist nicht so einfach. Wenn man eine spirituelle Lehre annimmt, und mag sie noch so erhaben sein, kommt es nach einem Monat, sechs Monaten, einem Jahr, je nachdem, oft vor, dass eine Verwirrung sich einschleicht und anstatt die positive Seite zu intensivieren, entwickeln ihre Anstrengungen nur die negative Seite. Warum? Weil jede neue Idee, jeder neue Bewusstseinszustand Gärungen in jenen Wesen hervorruft, die sich nicht vorbereitet haben, sie zu empfangen. Jesus sagte: »Man füllt auch nicht neuen Wein in alte Schläuche; sonst zerreißen die Schläuche, und der Wein wird verschüttet, und die Schläuche verderben. Sondern man füllt neuen Wein in neue Schläuche…« (Mt 9,17). Die neuen Schläuche repräsentieren die soliden, widerstandsfähigen Formen, die der Mensch in sich vorbereiten muss, um eine neue Sicht der Dinge erfassen und ertragen zu können. Er muss also beginnen, sich mit dieser Philosophie zu harmonisieren, d. h. er muss seinen physischen und psychischen Organismus vorbereiten, um der Spannung standhalten zu können, die die neuen Strömungen, denen er ausgesetzt sein wird, hervorbringen.
Omraam Mikhaël Aïvanhov
Alles ist in Gott und Gott ist in allem. Doch dieses Bewusstsein beginnt erst beim Menschen. Ihr fragt: »Aber warum ist dann dieses Bewusst sein nicht wacher?« Als Er sich in den Menschen hineinbegeben wollte, um sich zu offenbaren, war es, als würde Gott zum Spaß sein Bewusstsein durch trübes Glas schicken. Doch jetzt ist diese Materie so trübe, dass Er sich nicht mehr sehen kann. Es ist, als wäre Er ganz verschwunden, als hätte Er sich in uns verloren. Damit das göttliche Bewusstsein in unserer Seele erwacht, muss unsere Materie transparent werden. Dann wird Gott sagen können: »Endlich, ich erkenne mich, ich bin es, der hier ist« und dann werden auch wir es spüren.
Weil unser Bewusstsein noch verdunkelt ist, erkennt Gott sich nicht in ihm. Aber da er unablässig in uns und an uns arbeitet, wenn auch wir an dieser Arbeit teilnehmen, wird Gott sich schließlich in uns erkennen.
Omraam Mikhaël Aïvanhov
Jeden Tag gibt uns das Leben eine bestimmte Anzahl von Problemen zu lösen. Wer nun versucht, ihnen auszuweichen, anstatt sich anzustrengen, um sie auf ehrliche Weise zu lösen, der befindet sich bald vor unüberwindlichen Schwierigkeiten. Warum? Das ist sehr einfach. Ihr seid in die Schule gegangen, nicht wahr, und habt dort Grammatik, Mathematik usw. gelernt. Für jedes Unterrichtsfach bekamt ihr Übungen. Nehmen wir z. B. die Mathematik: Stellt euch vor, dass ein Schüler beginnt, die Übungen der ersten Lektion zu vernachlässigen, dann fehlen ihm natürlich die Elemente, um die folgenden Lektionen zu bewältigen. Was wird er also machen? Die Situation wird immer schwieriger, und eines Tages kommt er gar nicht mehr zurecht. Das Gleiche gilt für die Probleme, die das Leben uns stellt. Jede gut gelöste Aufgabe gibt uns die Elemente, mit denen wir den folgenden Aufgaben besser entgegentreten können. Die Anstrengungen, die wir gemacht haben, tragen ihre Früchte: Mit jeder Übung werden wir scharfsinniger, ausdauernder und widerstandsfähiger.
Omraam Mikhaël Aïvanhov
Warum soll man lernen, in einer spirituellen Gemeinschaft zu leben? Das ist so schwer! Wer jedoch diese Disziplin aufrichtig akzeptiert, erzeugt in seinem Bewusstsein sehr günstige Veränderungen. Er begreift, dass er nicht egoistisch oder anarchisch handeln darf, weil dies unweigerlich Unordnung und Konflikte mit sich bringen würde. Er bemüht sich im Gegenteil, sich mit den anderen abzustimmen und er macht Fortschritte wegen dieser Abstimmung auf die Gemeinschaft. Und da die Gemeinschaft selbst danach strebt, mit der großen, kosmischen Gemeinschaft in Harmonie zu sein, baut sie Gutes in dem auf, der daran arbeitet, in Übereinstimmung mit ihren Regeln zu leben. Indem sich also der Mensch bemüht, ein harmonischeres, erweitertes, universelleres Leben zu führen bereichert er sich enorm, denn er tritt in Kontakt mit der kosmischen Intelligenz und empfängt ihre Segnungen.
Omraam Mikhaël Aïvanhov
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Auch wenn sie Atheisten sind, müssen unsere Zeitgenossen zugeben, dass die Idee der Brüderlichkeit ihnen vom Christentum gebracht wurde. Natürlich haben bereits vor Jesus Weise und Eingeweihte die Achtung und die Liebe zum Nächsten gelehrt. Unter den Geboten, die Moses gebracht hat, kündigen schon einige die Lehre Jesus an: »Du sollst dich nicht rächen noch Zorn bewahren gegen die Kinder deines Volks. Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst; ich bin der Herr« (3. Mo 19,18). Aber verglichen mit der Menge der anderen Vorschriften und Züchtigungen, die all jenen drohen, die den geringsten Fehler begehen, nehmen sie doch sehr wenig Raum ein! In derselben Epoche lehrte Buddha das Wohlwollen gegenüber allen Geschöpfen und das Mitgefühl mit dem immensen Leid, das sie in ihrem irdischen Leben zu erdulden haben. Doch das Gefühl des Wohlwollens oder des Mitleids ist nicht das gleiche wie das Gefühl der Brüderlichkeit, das Bewusstsein, derselben und einzigen Familie anzugehören. Es ist also die vom Christentum überbrachte Philosophie von Jesus, die es ermöglicht hat, dass das Gefühl der Brüderlichkeit sich in der westlichen Welt entwickelt.
Omraam Mikhaël Aïvanhov